Samstag, 9. Februar 2013

Religion als Erbe und Pflicht



Heute also mal über ein etwas ernsteres Thema: Religion in Irland. Wie ja allgemein bekannt ist, ist die Mehrheit der irischen Bevölkerung katholisch. 

Die Kirche hat hier bis heute immer noch großen Einfluss im Bildungswesen und in der Politik an sich. Ich würde sogar sagen, dass eine der stärksten Lobbys in Irland die katholische Kirche ist. Aber ist das nun gut oder schlecht? 

Von vornherein muss ich dazu sagen, dass dazu natürlich jeder seine eigene Meinung hat, die ich auch absolut akzeptiere, deswegen möchte ich aber auch gerne meine eigene dazu preisgeben. Ich denke, Religion an sich ist keine schlechte Sache, welchen Namen die Religion auch haben mag. Sie führt Menschen zusammen und gibt ihnen eine gemeinsame Sache, an die es sich  für sie zu glauben lohnt. Aber sollte eine Religion einen Staat beeinflussen?

Die irische katholische Kirche nutzt ihren Einfluss im Bildungswesen, im Gesundheitswesen und natürlich auch in ethischen Fragen. Im Gesundheitswesen zeigt sich das zum Beispiel daran, dass sie nach immensen Kürzungen im Budget für behinderte Personen Partei für diese ergriffen hat, mit der Folge, dass aufgrund der anhaltenden Proteste auch aus der Bevölkerung nun gewisse Kürzungen zurückgenommen wurden.

Die irische Kirche ist fest im Bildungswesen involviert, da viele Schulen einen kirchlichen Träger haben. Es gibt hier Priester und Nonnen, die auch an der Schule lehren. So ist die Kirche also, wenn auch manchmal für die Schüler nicht bewusst, in das tägliche Schulleben eingebunden.
Wie beeinflusst die irische Kirche in ethischen Fragen? Zum Beispiel spricht sie sich, welch Wunder, vehement gegen das Referendum über Schwangerschaftsabbruch aus und hat politischen Befürwortern angeblich sogar mit der Verweigerung der Kommunion gedroht. Einschüchterung? Aber klar doch!
Irland ist auch eines der Länder, in dem die Ehe von Homosexuellen immer noch nicht erlaubt ist. Ein trauriger Umstand bei dem aber definitiv auch wieder der kirchliche Einfluss eine Rolle spielt.

Ist das nun gut oder schlecht?

Im Beispiel der Kürzungen für Behinderte muss man sagen, dass der Einfluss der Kirche definitiv wichtig und richtig war, um eine Einigung zu erzielen.
 
  











(Quelle: http://bit.ly/123LS74)

Aber beim Rest?


Nun gut, sicher entwickeln sich Freigeister in der Schule auch mit dem Einfluss der Kirche, und man muss fairerweise auch sagen, dass andere Meinungen geduldet und nicht unterdrückt werden, zumindest dort, wo ich zur Schule gehe. Aber trotzdem muss man sagen, dass es zum Beispiel in Irland keine Alternative zum Religionsunterricht gibt, der außerdem noch Pflicht ist.


Wir haben eine kirchlichen Schultrip gemacht, der auch Pflicht war. Kritisches Denken ist erlaubt, ja, aber auch nur, weil es auch mit kiritischem denken keinen wirklichen Ausweg gibt. Man kann das wohl nun sanftes Lenken und Leiten oder weite Fesseln nennen...

Aber beim Thema der Abtreibung mit dem Mittel von „Kirchenstrafen“ gegen politische Befürworter zu drohen ist ein Punkt, bei dem ich sage, dass er eindeutig zu weit  geht. Nun werden wieder andere sagen, "OK, aber dafür ist es die katholische Kirche, ein Leben zu beenden wiederspricht den Regeln der Kirche". Und dann kann man natürlich wieder anfangen, darüber zu diskutieren, wann Leben denn nun wirklich anfängt usw. Aber der Fakt ist, dass in Irland Abtreibung nur erlaubt ist, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Wann das Leben der Mutter aber in Gefahr ist, wird im Gesetz nicht festgelegt. Deswegen will es dann natürlich auch kein Arzt machen. 

Die Mediziner sind sich einig, dass es klarere Regeln für eine Abtreibung geben muss. Dass es nicht sein kann, dass Frauen, deren Kinder nicht überlebensfähig wären, nach Großbritannien zur Abtreibung müssen. 

Und sollte die Kirche nicht zumindest ein Einsehen haben, wenn sich Frauen in Lebensgefahr befinden? Ich denke nicht, dass es zu den so gefürchteten Abtreibungskliniken kommen wird, denn da sind die meisten Iren selbst dagegen. Aber mit ihren Ressentiments übt die Kirche definitiv Einfluss auf Teile der Bevölkerung aus und bringt die medizinische Frage auf die ethische Basis herunter. Man sollte sich aber vor Augen führen, dass es hier nicht so einfach sein würde, Kinder aufgrund des Nichtwollens abzutreiben, es geht hier erst einmal vorrangig um den medizinischen Aspekt. Und die Kirche sollte da die Menschen ihre eigene Meinung ohne ihren Einfluss bilden lassen.

Kirche zu starke Lobby, ja oder nein?

Die Kirche als Lobby ist stark, zu stark? Jein. Man kann ethische Gruppen nie vollkommen aus der Politik raushalten, genauso wenig wie man andere Lobbys heraushalten kann, denn schließlich stellen sie starke soziale Gruppen in der Gesellschaft dar. Allerdings wünscht man sich manchmal, sie würden etwas weniger sagen und die Menschen erst einmal machen lassen. Nun kann man natürlich wieder sagen, "jein" sei keine genaue Antwort, für mich wäre es aber furchtbar, mir vorzustellen, wie ein Irland komplett ohne religiösen Einfluss aussehen würde. Und man muss dem Ganzen zugutehalten, dass so zumindest über viele Themen angeregte Debatten im Gange sind und die wiederum regen die Menschen zum Denken an. Welche Seite man dann am Ende einnimmt, bleibt natürlich jedem selber überlassen.

Eine interessante Frage ist aber nun zum Beispiel, warum die Kirche so fest in die Gesellschaft hier eingebunden ist. Ein Priester hier hat darauf eine interessante Antwort gegeben, die aber definitiv einen Einfluss hat. Die Kirche ist so stark in die Gesellschaft involviert, weil sie über Jahrhunderte verboten war. Noch im 19. Jahrhundert konnten bekennende Katholiken zum Beispiel kein Land besitzen. Messen wurden heimlich im Wald oder im Stall abgehalten.

Die Menschen bekannten sich also im Geheimen dazu, katholisch zu sein. Dadurch waren Generationen streng gläubig geprägt, denn ihre Religion mussten sie sich schwer erkämpfen. Auch heute noch geht eine große Anzahl irischer Familien regelmäßig in die Kirche, auch wenn die Zahlen, wie überall sonst auch, rückläufig sind, aber immer noch in einem größeren Maß als in anderen Ländern.  Die Verbundenheit der Iren zur Kirche ist schwer zu verstehen, selbst, wenn man zu einem gewissen Teil daran beteiligt ist. Man könnte wohl sagen, Religion ist hier Tradition. Wie gesagt, nicht jeder Ire ist streng gläubig, aber ich denke, viele glauben, es sei besser an etwas zu glauben, als an nichts. Und ich persönlich fände es schlimm, wenn die Iren ihr Verhältnis zur Religion verlieren würden, denn sie gehört hier ebenso dazu wie der Regen. 

Viele Menschen sehnen sich nach einer jüngeren, offeneren Kirche. Den Weg kann sie nur mit Hilfe ihrer Gläubigen gehen, obwohl sie das wohl noch nicht so ganz verstanden hat. Ohne Reformationen und Aufklärung ist die Kirche meiner Meinung nach auf dem absteigenden Ast. Die Iren haben dafür gekämpft, offen ihren Glauben ausüben zu dürfen, also haben sie auch ein Recht darauf, dass der Glaube mit ihnen wächst und sich wandelt, und nicht in der Vergangenheit stecken bleibt.

Irland hat mir definitiv eines gelehrt, und das ist Respekt und Akzeptanz, und zwar in einem größeren Maße, als ich ihn früher hatte, auch für die Kirche, ob evangelisch oder katholisch sei mal dahin gestellt. Ich persönlich glaube nicht an das, was in der Kirche gesagt wird, aber ich respektiere, dass es andere tun, nur würde ich mir dafür im Gegenzug eben auch mehr Akzeptanz der Kirche für die Meinungen anderer wünschen.



P.S. Einmal schnell noch kurz Werbung in eigener Sache. Ich bin jetzt Mitglied in einer politischen Bloggergruppe www.aenderungsbereit.de  Wer Lust hat kann da ja auch mal vorbeischauen. Mein erster Post über Russland ist gerade online gegangen.

3 Kommentare:

  1. Hey, ich schreibe gerade eine Facharbeit zum Bildungssystem Irlands. Vielleicht könntest du mir ja beantworten, ob in Irland in irgendeiner Weise zensiert wird, z.B. Bücher über den anglo-irischen Konflikt oder Lieder, die nicht gelesen oder gespielt werden dürfen?
    Danke Nele

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    1. Hallo Nele,

      ich rede einmal mit meinem Gastvater darüber (Lehrer) und sehe was ich da für dich herausfinden kann.

      Bis dahin liebe Grüße

      Laura

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    2. Hallo Nele,

      also es gibt in der Weise keine Zensur im irischen Bildungssystem. Die Schulen haben ein Curriculum ( Lehrplan) an dem sie sich orientieren müssen, allerdings ist dort nicht einmal festgelegt, welche Bücher verwendet werden müssen. Hier anbei der Link zum aktuellen Curriculum http://www.education.ie/en/Schools-Colleges/Information/Curriculum-and-Syllabus/

      Hoffe ich konnte dir damit weiter helfen. Melde dich doch einfach, wenn nochmal was sein sollte.

      Liebe Grüße

      Laura

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