Heute also mal über ein etwas ernsteres Thema: Religion in
Irland. Wie ja allgemein bekannt ist, ist die Mehrheit der irischen Bevölkerung
katholisch.
Die Kirche hat hier bis heute immer noch großen Einfluss im Bildungswesen
und in der Politik an sich. Ich würde sogar sagen, dass eine der stärksten
Lobbys in Irland die katholische Kirche ist. Aber ist das nun gut oder
schlecht?
Von vornherein muss ich dazu sagen, dass dazu natürlich
jeder seine eigene Meinung hat, die ich auch absolut akzeptiere, deswegen
möchte ich aber auch gerne meine eigene dazu preisgeben. Ich denke, Religion an sich ist keine schlechte Sache,
welchen Namen die Religion auch haben mag. Sie führt Menschen zusammen und gibt
ihnen eine gemeinsame Sache, an die es sich
für sie zu glauben lohnt. Aber sollte eine Religion einen Staat
beeinflussen?
Die irische katholische Kirche nutzt ihren Einfluss im
Bildungswesen, im Gesundheitswesen und natürlich auch in ethischen Fragen. Im
Gesundheitswesen zeigt sich das zum Beispiel daran, dass sie nach immensen
Kürzungen im Budget für behinderte Personen Partei für diese ergriffen hat, mit der Folge, dass aufgrund der anhaltenden Proteste auch aus der Bevölkerung nun
gewisse Kürzungen zurückgenommen wurden.
Die irische Kirche ist fest im Bildungswesen involviert, da
viele Schulen einen kirchlichen Träger haben. Es gibt hier Priester und Nonnen,
die auch an der Schule lehren. So ist die Kirche also, wenn auch manchmal für
die Schüler nicht bewusst, in das tägliche Schulleben eingebunden.
Wie beeinflusst die irische Kirche in ethischen Fragen? Zum
Beispiel spricht sie sich, welch Wunder, vehement gegen das Referendum über
Schwangerschaftsabbruch aus und hat politischen Befürwortern angeblich sogar
mit der Verweigerung der Kommunion gedroht. Einschüchterung? Aber klar doch!
Irland ist auch eines der Länder, in dem die Ehe von
Homosexuellen immer noch nicht erlaubt ist. Ein trauriger Umstand bei dem aber definitiv auch wieder der kirchliche Einfluss eine Rolle spielt.
Ist das nun gut oder schlecht?
Im Beispiel der
Kürzungen für Behinderte muss man sagen, dass der Einfluss der Kirche definitiv
wichtig und richtig war, um eine Einigung zu erzielen.
(Quelle: http://bit.ly/123LS74)
Aber beim Rest?
Nun gut, sicher entwickeln sich Freigeister in der Schule
auch mit dem Einfluss der Kirche, und man muss fairerweise auch sagen, dass
andere Meinungen geduldet und nicht unterdrückt werden, zumindest dort, wo ich
zur Schule gehe. Aber trotzdem muss man sagen, dass es zum Beispiel in Irland
keine Alternative zum Religionsunterricht gibt, der außerdem noch Pflicht ist.
Wir haben eine kirchlichen Schultrip gemacht, der auch
Pflicht war. Kritisches Denken ist
erlaubt, ja, aber auch nur, weil es auch mit kiritischem denken keinen wirklichen Ausweg gibt. Man kann das wohl nun sanftes Lenken und Leiten oder weite Fesseln nennen...
Aber beim Thema der Abtreibung mit dem Mittel von
„Kirchenstrafen“ gegen politische Befürworter zu drohen ist ein Punkt, bei dem
ich sage, dass er eindeutig zu weit
geht. Nun werden wieder andere sagen, "OK, aber dafür ist es die
katholische Kirche, ein Leben zu beenden wiederspricht den Regeln der Kirche".
Und dann kann man natürlich wieder anfangen, darüber zu diskutieren, wann Leben
denn nun wirklich anfängt usw. Aber der Fakt ist, dass in Irland Abtreibung nur
erlaubt ist, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Wann das Leben der Mutter
aber in Gefahr ist, wird im Gesetz nicht festgelegt. Deswegen will es dann
natürlich auch kein Arzt machen.
Die Mediziner sind sich einig, dass es klarere Regeln für
eine Abtreibung geben muss. Dass es nicht sein kann, dass Frauen, deren Kinder
nicht überlebensfähig wären, nach Großbritannien zur Abtreibung müssen.
Und sollte die Kirche nicht zumindest ein Einsehen haben, wenn sich Frauen in Lebensgefahr befinden? Ich denke nicht,
dass es zu den so gefürchteten Abtreibungskliniken kommen wird, denn da sind
die meisten Iren selbst dagegen. Aber mit ihren Ressentiments übt die Kirche
definitiv Einfluss auf Teile der Bevölkerung aus und bringt die medizinische
Frage auf die ethische Basis herunter. Man sollte sich aber vor Augen führen,
dass es hier nicht so einfach sein würde, Kinder aufgrund des Nichtwollens
abzutreiben, es geht hier erst einmal vorrangig um den medizinischen Aspekt.
Und die Kirche sollte da die Menschen ihre eigene Meinung ohne ihren Einfluss
bilden lassen.
Kirche zu starke Lobby, ja oder nein?
Die Kirche als Lobby
ist stark, zu stark? Jein. Man kann
ethische Gruppen nie vollkommen aus der Politik raushalten, genauso wenig wie
man andere Lobbys heraushalten kann, denn schließlich stellen sie starke
soziale Gruppen in der Gesellschaft dar. Allerdings wünscht man sich manchmal,
sie würden etwas weniger sagen und die Menschen erst einmal machen lassen. Nun kann man natürlich wieder
sagen, "jein" sei keine genaue Antwort, für mich wäre es aber furchtbar, mir vorzustellen, wie ein Irland
komplett ohne religiösen Einfluss aussehen würde. Und man muss dem Ganzen
zugutehalten, dass so zumindest über viele Themen angeregte Debatten im Gange
sind und die wiederum regen die Menschen zum Denken an. Welche Seite man dann
am Ende einnimmt, bleibt natürlich jedem selber überlassen.
Eine interessante Frage ist aber nun zum Beispiel, warum die
Kirche so fest in die Gesellschaft hier eingebunden ist. Ein Priester hier hat
darauf eine interessante Antwort gegeben, die aber definitiv einen Einfluss
hat. Die Kirche ist so stark in die Gesellschaft involviert, weil sie über Jahrhunderte verboten war. Noch
im 19. Jahrhundert konnten bekennende Katholiken zum Beispiel kein Land
besitzen. Messen wurden heimlich im Wald oder im Stall abgehalten.
Die Menschen bekannten sich also im Geheimen dazu, katholisch zu sein. Dadurch
waren Generationen streng gläubig geprägt, denn ihre Religion mussten sie sich
schwer erkämpfen. Auch heute noch geht eine große Anzahl irischer Familien
regelmäßig in die Kirche, auch wenn die Zahlen, wie überall sonst auch, rückläufig
sind, aber immer noch in einem größeren Maß als in anderen Ländern. Die Verbundenheit der Iren zur Kirche ist
schwer zu verstehen, selbst, wenn man zu einem gewissen Teil daran beteiligt
ist. Man könnte wohl sagen, Religion ist hier Tradition. Wie gesagt, nicht jeder
Ire ist streng gläubig, aber ich denke, viele glauben, es sei besser an etwas zu
glauben, als an nichts. Und ich persönlich fände es schlimm, wenn die Iren ihr
Verhältnis zur Religion verlieren würden, denn sie gehört hier ebenso dazu wie
der Regen.
Viele Menschen sehnen sich nach einer jüngeren, offeneren
Kirche. Den Weg kann sie nur mit Hilfe ihrer Gläubigen gehen, obwohl sie das
wohl noch nicht so ganz verstanden hat. Ohne Reformationen und Aufklärung ist
die Kirche meiner Meinung nach auf dem absteigenden Ast. Die Iren haben dafür
gekämpft, offen ihren Glauben ausüben zu dürfen, also haben sie auch ein Recht
darauf, dass der Glaube mit ihnen wächst und sich wandelt, und nicht in der
Vergangenheit stecken bleibt.
Irland hat mir definitiv eines gelehrt, und das ist Respekt und
Akzeptanz, und zwar in einem größeren Maße, als ich ihn früher hatte, auch für die
Kirche, ob evangelisch oder katholisch sei mal dahin gestellt. Ich persönlich glaube nicht an das, was in der
Kirche gesagt wird, aber ich respektiere, dass es andere tun, nur würde
ich mir dafür im Gegenzug eben auch mehr Akzeptanz der Kirche für die
Meinungen anderer wünschen.
P.S. Einmal schnell noch kurz Werbung in eigener Sache. Ich bin jetzt Mitglied in einer politischen Bloggergruppe
www.aenderungsbereit.de Wer Lust hat kann da ja auch mal vorbeischauen. Mein erster Post über Russland ist gerade online gegangen.