Donnerstag, 17. Januar 2013

...über Essen, mangelnde Verantwortung und Schule

Heute also einmal über die haute cuisine Irlands.Die irische Küche ist eine etwas gewöhnungsbedürftige Angelegenheit, wenn auch bei weitem nicht so schlimm wie die britische Küche.

(Quelle: http://bit.ly/W9wKmA)
Ein typisches irisches Frühstück (gibt es meistens am Wochenende) besteht aus  Rashers (Speck), Black und White Pudding (Blutwurst und eine Art Leberwurst) und kleinen Würstchen vom Schwein. Das Ganze wird gebraten. Außerdem noch Rührei, Bohnen (kein Scherz) und gebratene Tomaten. Es schmeckt ganz gut, auch wenn ich mich nicht wirklich mit den Bohnen anfreunden kann. Leider muss man dazu sagen, dass die Iren eine gewisse Abneigung gegen Gewürze haben, Salz und Pfeffer mit eingeschlossen, also muss man häufig kräftig nachwürzen und als Thüringer muss ich hier dann auch mal anmerken, dass unsere Bratwürste besser sind und auch Senf fängt mir plötzlich an zu schmecken.

Lunch ist eigentlich nur obligatorisch und etwas Kleines zu essen, da die Iren sehr früh Dinner haben.

Dinner ist häufig zwischen 4 und 6 Uhr nachmittags, selten später. Die Hauptbeilage ist die Kartoffel, nein, nicht nur ein Klischee. Ob als Kartoffelbrei oder gekocht, gebraten, mit Schale oder ohne oder eben als Pommes, Kartoffeln sind immer dabei. 148 Kilo isst eine Ire im Jahr, dafür aber nur 9 Kilo Reis. Einen Sonderfall bildet dann wieder der Auflauf mit Kartoffeln, aber selbst dazu wird häufig noch Kartoffelbrei gereicht. Irische Familien haben auch häufig einen festen Ablaufplan für die Woche. Am Montag machen wir immer etwas aus den Überresten vom Sonntag, Dienstag Rind oder Schwein, Mittwoch Hühnchen oder Fisch, Donnerstag ist experimentierfreudig, also auch mal Curry, Freitag häufig Hühnchen, Samstag ist Pizza-Tag und Sonntag gibt es Stew oder Rindfleisch.

Da wir so früh Dinner haben, essen wir häufig noch einmal etwas Kleines zwischen 8 und 10 Uhr abends oder haben zumindest einen Tee. Tee ist, wie schon erwähnt, ein Teil der irischen Kultur und wird mit Milch getrunken.

(www.closecooking.com)

Erstaunlicherweise gibt es in Irland keine klaren Suppen, das ist hier einfach unbekannt. Auch Kaffee und Kuchen am Nachmittag ist hier unbüblich. Dafür gelten Chips hier als Beilage und man kann sie mit Weißbrot und Banane essen (kein Scherz!). Jaja, das liebe Brot, ich vermisse es wirklich sehr. Hier gibt es immer nur Weißbrot und manchmal Sodabrot, aber kein Schwarzbrot. Ein netter Snack für zwischendurch sind Scones, mit Marmelade, Butter oder Sahne.
(Quelle: http://bit.ly/V4zQcg)
Fremdländischen Küchen stehen die Iren nur bedingt offen gegenüber. Unsere Backkünste schätzen sie, aber der Rest...naja... sie mochten die Bratwürste, was ja ein guter Anfang ist.

Essen kann man auch günstig in der Schule bekommen und es schmeckt sogar.

Diese Woche ist mir auch etwas sehr Witziges aufgefallen. Die stellvertretende Direktorin an meiner Schule kontrolliert, dass auch ja jeder in seine Klasse geht. Sie kontrolliert die Kleidung der Schüler und dass jeder seinen Ranzen auch in seinem Raum hat und nirgendwo anders (kein Scherz, es gibt Ärger, wenn du ihn aufgrund des Platzmangels woanders lässt). Außerdem rückt sie auch häufig die Stühle in der Kantine zurecht. Es ist alles ein wenig übertrieben. Man kommt auch von alleine in die Klasse und die schwarzen Socken sind auch kein Beinbruch, aber naja. Ich glaube, unsere stellvertretende Direktorin daheim käme überhaupt nicht auf den Gedanken, schließlich sind die Schüler ja auch alt genug, von selbst darauf zu achten oder sie werden angewiesen es zu machen, aber Stühle rücken und Räume kontrollieren? Nein, solchen Unsinn würde sie nicht machen.

Es wird mir immer mehr bewusst, wie wenig Vertrauen die Lehrer in ihre Schüler hier haben. Alles wird dreifach gesagt und dann gibt es noch fünf Verwarnungen. Schule in Deutschland ist definitiv strenger (wirklich, für all die Lehrer, die diesen Blog lesen).

Den Preis, den die Schüler dafür zahlen, ist allerdings, dass sie kaum eine eigene Stimme im Schulgeschehen haben. Diskutieren (sachlich) mit dem Lehrer? Hier unbekannt. Etwas gegen einen schlechten Lehrstil sagen? Unmöglich. Es herrscht immer eine große Distanz zwischen Lehrer und Schüler. Schüler werden immer als Kinder behandelt, nie als die jungen Erwachsenen, die sie ja zumindest zum Teil sind. Das ist eine Sache, die ich sehr schade finde, denn ich denke, dass das keine wirkliche Vorbereitung auf das Leben ist. Das Denken und Handeln wird hier zum Teil abgenommen und so wichtig Respekt und gute Manieren auch sind, das schlichte Nichtvorhandensein einer Schüleropposition ist schade und das, obwohl es einige scharfzüngige Schülerinnen in den oberen Klassen gibt, aber die leben sich dann eben im Debattierclub aus. Das klingt fast schon wie aus einer anderen Zeit.

Aber es gibt dann auch zum Glück immer noch die Lichtblicke, so zum Beispiel den Englischunterricht, wo wir wirklich gut debattieren können, oder der Religionsunterricht, wo auch kontroverse Gedanken akzeptiert werden. Überhaupt muss man sagen, dass wir im Religionsunterricht ganz frei über unsere Meinung zur Religion und anderen Themen reden können. Ein tolles Zeichen von Toleranz, wie ich finde.

Sonntag, 6. Januar 2013

Über Weihnachten, Politik und die Reize einer Großfamilie


So die Feiertage sind vorbei und ein neues Jahr hat begonnen, erschreckenderweise heißt das auch für mich, dass ich in diesem Jahr wieder nach Hause komme; schon eine verrückte Vorstellung!

Winter in Irland
Weihnachten in Irland ist, wie in allen anderen Ländern auch, ein Fest der Familie. Nur, dass es hier doch noch einmal anders ist, da in Irland viele Menschen aufgrund der schlechten Lage im Ausland arbeiten. So hat nahezu jeder Ire zumindest in der weiteren Verwandtschaft einen Heimkehrer aus den USA, Kanada, Australien, Großbritannien, Südafrika oder, oder, oder... zu vermelden. Und all die Verwandten, die nicht heimkommen, weil sie komplett ausgewandert sind, können sich zumindest auf einen Anruf, ein Päckchen oder eine nette Skype-Konversation freuen, so auch in meiner Gastfamilie.
die ersten gebackenen Plätzchen

Ich habe zwei Gastbrüder, die im Ausland arbeiten, einer in Kanada und einer in den USA. Zu Weihnachten konnte leider nur der aus Kanada nach Hause kommen, aber dafür hat der Älteste in den USA natürlich ein schönes Päckchen bekommen und dann noch einen tollen Skype-Anruf von seiner ganzen Familie. Es ist schon witzig, wenn sich 10 Mann um einen Computer drängen um zu winken und munter durcheinander reden zu können. Und auch der Rest der Verwandtschaft in Neuseeland und Australien wurde natürlich angerufen. 


Die Iren feiern Weihnachten auch nicht am 24., sondern am 25. Dezember. In die Kirche sind wir am Abend des 24. Dezembers gegangen. Es war wunderschön, die Kirche wurde nur vom Kerzenschein erhellt und der Chor hat viel gesungen und die Kirche war so voll, dass diejenigen, welche später kamen (oder besser gesagt nicht eine halbe Stunde eher), nur noch am Eingang stehen bleiben konnten. So einen Anblick kannte ich aus unserer Dorfkirche gar nicht.



Danach durfte jeder ein Geschenk aufmachen, die liegen nämlich schon früher unter dem Baum. Am 25. sind wir dann gegen 8 Uhr aufgestanden und haben angefangen die Geschenke auszupacken, immer eins nach dem anderen und der Rest hat zugesehen, das hat dann schon etwas gedauert. Am 25. haben wir dann auch noch das große Dinner gehabt, mit chinesischen Häppchen und Suppe als Vorspeise, danach Truthahn und Schinken mit vielen verschiedenen Beilagen und zum Dessert konnten wir uns etwas aus vier verschiedenen Kuchenarten und Eis aussuchen. Ich denke mal ich muss nicht hinzufügen, dass wir mehr als voll waren.

Silvester wird in Irland dann wiederum nicht so groß gefeiert. Man geht meistens aus oder sitzt eben gemütlich mit der Familie zusammen, ein eigenes kleines Feuerwerk darf schon aus rechtlichen Gründen nicht gezündet werden, deswegen bin ich auch relativ ruhig ins neue Jahr gekommen, da wir uns entschieden hatten, nicht auszugehen.

Wieder einmal muss ich hier dann doch das wundervolle Gefühl einbringen, irgendwie Teil einer Großfamilie zu sein. Wir haben in den letzten zwei Wochen häufiger Mal irgendwelche Spiele gespielt, die schon aufgrund der Größe der Runde gut und gerne mal bis nach 3 Uhr nachts gespielt wurden. Außerdem ist es einfach nur wahnsinnig interessant, wenn die Größeren nun auch mal ihre Partner/innen nach Hause bringen, die dann auch gleich ganz offen in die Familie aufgenommen werden. Das einzige Manko war, dass nicht mehr allzu viel  Platz im Haus und am Esstisch war. Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele Menschen doch in dieses nicht allzu große Haus passen.
Es ist wirklich schade, dass daheim in Deutschland Großfamilien immer etwas negativ behaftet sind. Meine Großfamilie hier hat immer ein regelmäßiges Auskommen gehabt, legt definitiv Wert auf Anstand und gute Noten in der Schule und wird, wenn es so weiter geht wie jetzt, auch noch die letzten zwei ihrer sechs Kinder als tolle Menschen in die Welt entlassen. Warum sollte das in unserem Land nicht auch so laufen können?

Was ich auch immer wieder interessant finde, ist, dass Themen, die ganz groß hier in den Nachrichten kommen, daheim nur kurz angeschnitten werden, so auch zum Beispiel der Union flag-Konflikt in Nordirland, der im Moment immer weiter ausartet. Grund für den Konflikt ist, dass die Stadtverwaltung in Belfast die britische Flagge nicht mehr jeden Tag wehen lassen will, was wiederum die Unionisten auf die Barrikaden gerufen hat. Im Moment gibt es fast täglich Ausschreitungen in Belfast mit Brandanschlägen und in den letzten zwei Tagen sogar Schüssen auf die Polizei. Der Konflikt ist nun schon vor genau einem Monat wieder hochgekommen und irgendwie erinnern die Bilder schon an Zeiten vor dem Good Friday Agreement, das Abkommen, welches 1998 die Kämpfe beendete und Nordirlands Eingliederung in das Vereinigte Königreich anerkannte (die Wiedervereinigung wurde nicht ausgeschlossen, wenn die Mehrheit der nordirischen Bevölkerung dafür stimmen würde).

Ein anderes großes Thema im Moment ist das sehr wahrscheinlich kommende Abtreibungsreferendum. In Irland ist eine Abtreibung illegal und wird nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter ernsthaft auf dem Spiel steht. Wer aus anderen Gründen abtreiben will, muss dafür ins Ausland, sprich meistens nach Großbritannien. Die Diskussion über das Abtreibungsgesetz ist wieder aufgekommen nach dem im Oktober des vergangenen Jahres eine junge Frau an den Folgen einer Missgeburt in der 17. Schwangerschaftswoche gestorben war. Die Ärzte sagten ihr, das Kind sei nicht überlebensfähig, man könne das Kind aber nicht abtreiben, da Irland ein katholisches Land sei und das Herz des Kindes noch schlagen würde. Sie starb an einer Sepsis. Als ihr Tod dann publik gemacht wurde, kam es zu größeren Protesten in Dublin zu Beginn von der Seite, die für eine neue Abtreibungspolitik war, und später dann auch von der Pro Life Gruppe und anderen. Letztendlich  wird es wohl im kommenden Jahr zu einer Abstimmung über eine Änderung der Verfassung kommen, aber wie diese ausgehen wird, ist noch offen.

Es ist schwierig das Problem zu verstehen, wenn man aus einem Land kommt, in dem Abtreibung legal ist. Ich denke ein Teil des Problems ist, dass die Iren befürchten, es würden sogenannte Abtreibungskliniken  aufgemacht werden, wie es sie in Großbritannien gibt, und ich denke vieles hängt auch mit der irischen Kultur zusammen, wo Kinder immer schon ein Segen waren. Es ist im Allgemeinen auffällig, dass man in Irland viele Familien mit drei oder vier Kindern findet und ich habe auch immer das Gefühl, mehr Kleinkinder zu sehen als daheim. Alles in allem ist es interessant, den Prozess der Entscheidungsfindung hier zu verfolgen, und ich denke im Allgemeinen ist es nichts Schlechtes, wenn durch eine breite öffentliche Diskussion, wie sie im Moment hier der Fall ist, zu einer Entscheidung gefunden wird, wie auch immer diese dann zum Schluss aussehen mag.

Last but not least hat Irland ja auch für das nächste halbe Jahr die europäische Ratspräsidentschaft inne. Über die Artikel, die ich in deutschen Zeitungen darüber lese, muss ich schon etwas schmunzeln, und meine Iren hier tun das auch, wenn ich ein bisschen davon übersetze. Von Irland als Musterschüler ist da die Rede und von einer baldigen Erholung und dass es den Iren auch schon viel besser gehen würde. Auf dem Papier mag das ja wahr sein, aber trotzdem hat immer noch eine Arbeitslosenquote von 14,6 % (Stand 3.1.2013) und den Abfall vom Juni 2012 um 0,2% erklären sie auch eher damit, dass viele Menschen ihr Glück mit einer Arbeit im Ausland suchen.

Man vergisst auch immer schnell, dass die Iren einen rigorosen Sparkurs fahren und kürzen wo sie nur können, zuletzt auch in den Pflegedienstleistungen für Behinderte, darüber hört man daheim nur nicht so viel, weil die Iren im Gegensatz zu den Spaniern und Griechen nicht gleich in den Generalstreik getreten sind, sondern wissen, dass es keine andere Lösung gibt, was wiederum nicht heißt, dass sie sich nicht darüber aufregen würden. Sie tun das aber lieber im Kreis ihrer Freunde. Mein Gastvater meint ganz ironisch, das sei das Leid ihrer Vorfahren, das wieder über sie kommen würde.

Wirklich gelacht haben wir darüber, dass die irische Ratspräsidentschaft grün sein solle, also umweltfreundlich.

Der Tagungsort in Dublin sei mit modernen Glühbirnen ausgerichtet und den Abgeordneten würden nur Fahrräder oder Bustransporte zur Verfügung stehen. Irland mag zwar die grüne Insel sein, aber mit Umweltschutz haben sie es hier nicht so groß wie in Deutschland, PET Flaschen sind hier zum Beispiel gänzlich unbekannt und im Ofen wird auch noch einiges mit verbrannt, was eigentlich in die Tonne gehören würde. Wenn man es so betrachtet, müssten wir in Deutschland erst mal ein paar Jahre warten, nicht das unser Vorsprung in Umweltfreundlichkeit noch zu groß wird.


Ich wünsche allen, denen ich es noch nicht gewünscht habe, ein frohes und erfolgreiches Jahr 2013.
Der Artikel nächste Woche wird sich dann unter anderem mit der  irischen „Haute cuisine“ beschäftigen.