Sonntag, 6. Januar 2013

Über Weihnachten, Politik und die Reize einer Großfamilie


So die Feiertage sind vorbei und ein neues Jahr hat begonnen, erschreckenderweise heißt das auch für mich, dass ich in diesem Jahr wieder nach Hause komme; schon eine verrückte Vorstellung!

Winter in Irland
Weihnachten in Irland ist, wie in allen anderen Ländern auch, ein Fest der Familie. Nur, dass es hier doch noch einmal anders ist, da in Irland viele Menschen aufgrund der schlechten Lage im Ausland arbeiten. So hat nahezu jeder Ire zumindest in der weiteren Verwandtschaft einen Heimkehrer aus den USA, Kanada, Australien, Großbritannien, Südafrika oder, oder, oder... zu vermelden. Und all die Verwandten, die nicht heimkommen, weil sie komplett ausgewandert sind, können sich zumindest auf einen Anruf, ein Päckchen oder eine nette Skype-Konversation freuen, so auch in meiner Gastfamilie.
die ersten gebackenen Plätzchen

Ich habe zwei Gastbrüder, die im Ausland arbeiten, einer in Kanada und einer in den USA. Zu Weihnachten konnte leider nur der aus Kanada nach Hause kommen, aber dafür hat der Älteste in den USA natürlich ein schönes Päckchen bekommen und dann noch einen tollen Skype-Anruf von seiner ganzen Familie. Es ist schon witzig, wenn sich 10 Mann um einen Computer drängen um zu winken und munter durcheinander reden zu können. Und auch der Rest der Verwandtschaft in Neuseeland und Australien wurde natürlich angerufen. 


Die Iren feiern Weihnachten auch nicht am 24., sondern am 25. Dezember. In die Kirche sind wir am Abend des 24. Dezembers gegangen. Es war wunderschön, die Kirche wurde nur vom Kerzenschein erhellt und der Chor hat viel gesungen und die Kirche war so voll, dass diejenigen, welche später kamen (oder besser gesagt nicht eine halbe Stunde eher), nur noch am Eingang stehen bleiben konnten. So einen Anblick kannte ich aus unserer Dorfkirche gar nicht.



Danach durfte jeder ein Geschenk aufmachen, die liegen nämlich schon früher unter dem Baum. Am 25. sind wir dann gegen 8 Uhr aufgestanden und haben angefangen die Geschenke auszupacken, immer eins nach dem anderen und der Rest hat zugesehen, das hat dann schon etwas gedauert. Am 25. haben wir dann auch noch das große Dinner gehabt, mit chinesischen Häppchen und Suppe als Vorspeise, danach Truthahn und Schinken mit vielen verschiedenen Beilagen und zum Dessert konnten wir uns etwas aus vier verschiedenen Kuchenarten und Eis aussuchen. Ich denke mal ich muss nicht hinzufügen, dass wir mehr als voll waren.

Silvester wird in Irland dann wiederum nicht so groß gefeiert. Man geht meistens aus oder sitzt eben gemütlich mit der Familie zusammen, ein eigenes kleines Feuerwerk darf schon aus rechtlichen Gründen nicht gezündet werden, deswegen bin ich auch relativ ruhig ins neue Jahr gekommen, da wir uns entschieden hatten, nicht auszugehen.

Wieder einmal muss ich hier dann doch das wundervolle Gefühl einbringen, irgendwie Teil einer Großfamilie zu sein. Wir haben in den letzten zwei Wochen häufiger Mal irgendwelche Spiele gespielt, die schon aufgrund der Größe der Runde gut und gerne mal bis nach 3 Uhr nachts gespielt wurden. Außerdem ist es einfach nur wahnsinnig interessant, wenn die Größeren nun auch mal ihre Partner/innen nach Hause bringen, die dann auch gleich ganz offen in die Familie aufgenommen werden. Das einzige Manko war, dass nicht mehr allzu viel  Platz im Haus und am Esstisch war. Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele Menschen doch in dieses nicht allzu große Haus passen.
Es ist wirklich schade, dass daheim in Deutschland Großfamilien immer etwas negativ behaftet sind. Meine Großfamilie hier hat immer ein regelmäßiges Auskommen gehabt, legt definitiv Wert auf Anstand und gute Noten in der Schule und wird, wenn es so weiter geht wie jetzt, auch noch die letzten zwei ihrer sechs Kinder als tolle Menschen in die Welt entlassen. Warum sollte das in unserem Land nicht auch so laufen können?

Was ich auch immer wieder interessant finde, ist, dass Themen, die ganz groß hier in den Nachrichten kommen, daheim nur kurz angeschnitten werden, so auch zum Beispiel der Union flag-Konflikt in Nordirland, der im Moment immer weiter ausartet. Grund für den Konflikt ist, dass die Stadtverwaltung in Belfast die britische Flagge nicht mehr jeden Tag wehen lassen will, was wiederum die Unionisten auf die Barrikaden gerufen hat. Im Moment gibt es fast täglich Ausschreitungen in Belfast mit Brandanschlägen und in den letzten zwei Tagen sogar Schüssen auf die Polizei. Der Konflikt ist nun schon vor genau einem Monat wieder hochgekommen und irgendwie erinnern die Bilder schon an Zeiten vor dem Good Friday Agreement, das Abkommen, welches 1998 die Kämpfe beendete und Nordirlands Eingliederung in das Vereinigte Königreich anerkannte (die Wiedervereinigung wurde nicht ausgeschlossen, wenn die Mehrheit der nordirischen Bevölkerung dafür stimmen würde).

Ein anderes großes Thema im Moment ist das sehr wahrscheinlich kommende Abtreibungsreferendum. In Irland ist eine Abtreibung illegal und wird nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter ernsthaft auf dem Spiel steht. Wer aus anderen Gründen abtreiben will, muss dafür ins Ausland, sprich meistens nach Großbritannien. Die Diskussion über das Abtreibungsgesetz ist wieder aufgekommen nach dem im Oktober des vergangenen Jahres eine junge Frau an den Folgen einer Missgeburt in der 17. Schwangerschaftswoche gestorben war. Die Ärzte sagten ihr, das Kind sei nicht überlebensfähig, man könne das Kind aber nicht abtreiben, da Irland ein katholisches Land sei und das Herz des Kindes noch schlagen würde. Sie starb an einer Sepsis. Als ihr Tod dann publik gemacht wurde, kam es zu größeren Protesten in Dublin zu Beginn von der Seite, die für eine neue Abtreibungspolitik war, und später dann auch von der Pro Life Gruppe und anderen. Letztendlich  wird es wohl im kommenden Jahr zu einer Abstimmung über eine Änderung der Verfassung kommen, aber wie diese ausgehen wird, ist noch offen.

Es ist schwierig das Problem zu verstehen, wenn man aus einem Land kommt, in dem Abtreibung legal ist. Ich denke ein Teil des Problems ist, dass die Iren befürchten, es würden sogenannte Abtreibungskliniken  aufgemacht werden, wie es sie in Großbritannien gibt, und ich denke vieles hängt auch mit der irischen Kultur zusammen, wo Kinder immer schon ein Segen waren. Es ist im Allgemeinen auffällig, dass man in Irland viele Familien mit drei oder vier Kindern findet und ich habe auch immer das Gefühl, mehr Kleinkinder zu sehen als daheim. Alles in allem ist es interessant, den Prozess der Entscheidungsfindung hier zu verfolgen, und ich denke im Allgemeinen ist es nichts Schlechtes, wenn durch eine breite öffentliche Diskussion, wie sie im Moment hier der Fall ist, zu einer Entscheidung gefunden wird, wie auch immer diese dann zum Schluss aussehen mag.

Last but not least hat Irland ja auch für das nächste halbe Jahr die europäische Ratspräsidentschaft inne. Über die Artikel, die ich in deutschen Zeitungen darüber lese, muss ich schon etwas schmunzeln, und meine Iren hier tun das auch, wenn ich ein bisschen davon übersetze. Von Irland als Musterschüler ist da die Rede und von einer baldigen Erholung und dass es den Iren auch schon viel besser gehen würde. Auf dem Papier mag das ja wahr sein, aber trotzdem hat immer noch eine Arbeitslosenquote von 14,6 % (Stand 3.1.2013) und den Abfall vom Juni 2012 um 0,2% erklären sie auch eher damit, dass viele Menschen ihr Glück mit einer Arbeit im Ausland suchen.

Man vergisst auch immer schnell, dass die Iren einen rigorosen Sparkurs fahren und kürzen wo sie nur können, zuletzt auch in den Pflegedienstleistungen für Behinderte, darüber hört man daheim nur nicht so viel, weil die Iren im Gegensatz zu den Spaniern und Griechen nicht gleich in den Generalstreik getreten sind, sondern wissen, dass es keine andere Lösung gibt, was wiederum nicht heißt, dass sie sich nicht darüber aufregen würden. Sie tun das aber lieber im Kreis ihrer Freunde. Mein Gastvater meint ganz ironisch, das sei das Leid ihrer Vorfahren, das wieder über sie kommen würde.

Wirklich gelacht haben wir darüber, dass die irische Ratspräsidentschaft grün sein solle, also umweltfreundlich.

Der Tagungsort in Dublin sei mit modernen Glühbirnen ausgerichtet und den Abgeordneten würden nur Fahrräder oder Bustransporte zur Verfügung stehen. Irland mag zwar die grüne Insel sein, aber mit Umweltschutz haben sie es hier nicht so groß wie in Deutschland, PET Flaschen sind hier zum Beispiel gänzlich unbekannt und im Ofen wird auch noch einiges mit verbrannt, was eigentlich in die Tonne gehören würde. Wenn man es so betrachtet, müssten wir in Deutschland erst mal ein paar Jahre warten, nicht das unser Vorsprung in Umweltfreundlichkeit noch zu groß wird.


Ich wünsche allen, denen ich es noch nicht gewünscht habe, ein frohes und erfolgreiches Jahr 2013.
Der Artikel nächste Woche wird sich dann unter anderem mit der  irischen „Haute cuisine“ beschäftigen.

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